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Lechner, Die Macht des Wassers (1996)Lechner, Wolfgang. "Die Macht des Wassers." Zeit 00 (1996). Jahrzehntelang haben Israel und seine Nachbarn sich gegenseitig das Wasser abgegraben. Auch der Konflikt mit den Palästinensern ist letztlich ein Krieg um das Lebenselement. Nur an der Grenze nach Jordanien sieht es so aus, als könnte die gemeinsame Sorge um das Wasser auch einen Frieden erzwingen. Das Wasser , das ich anfasse, ist braun und grün, es hat breite Blätter und wächst fast vier Meter hoch. Sein Stamm fühlt sich kühl an. Mit den Fingerspitzen kann ich ihn eindrücken wie einen festen Schwamm. Ich breche das Ende des Fruchtstengels ab, und aus der Bruchstelle beginnt es zu tropfen."Geben Sie acht", sagt Saleh Ata Romani, "das Zeug macht rote Flecken auf ihrem Hemd, die kriegen sie nie mehr raus!" Das Wasser ist eine Bananenstaude. Sie steht im Dorf al-Auscha, elf Kilometer nördlich von Jericho, und der Bauer Saleh Ata Romani ist stolz auf die spannenlangen, grünen Früchte, die sich unter einer blauen Plastikschutzhülle krümmen. Vom Fluß Litani bis zum Roten Meer, von Tel Aviv bis zur arabischen Wüste: Nirgends in der Welt streiten sich so viele Länder um so wenig Wasser. 350 Dunum Land besitzt Salehs Familie, rund 35 Hektar. Auf einem Teil davon baut sie Bananen an. So wie Salehs Vater, sein Großvater und viele Generationen davor. Bananen sind keine Wüstenpflanzen, sie brauchen unglaublich viel Wasser. Pro Dunum bis zu 600 Kubikmetern in der Woche. Würde es sich nicht in diese durstigen Stauden verwandeln und nicht versickern, stünde es nach einer Woche schon sechzig Zentimeter hoch auf dem Feld und nach einem Jahr mehr als dreißig Meter. Aber noch bis in die Zeit von Salehs Vater war Wasser kein Thema: Aus den judäischen Bergen oberhalb des Dorfes floß der al-Auscha - im Winter ein reißender Wildbach und selbst im Sommer noch ergiebig. Die Clans, denen das Land um al-Auscha gehörte, teilten sich sein Wasser: Sieben Stunden lang pro Woche durfte Salehs Familie ihre Bassins füllen. Und die Bananen verkauften sich gut auf den Märkten von Jericho, Amman und Ostjerusalem. Im Juni 1967 eroberte Israel das Westjordanland, damit war das Dorf vom Markt in Amman und dem übrigen Jordanien abgeschnitten. Und bald darauf begann die Katastrophe für Saleh und die anderen Palästinenser: Die Besatzer bohrten drei tiefe Brunnen, bauten eine Pumpstation am Bach und zweigten einen großen Teil des Wassers für die neuen jüdischen Siedlungen im Jordantal ab. Seitdem fließt bestenfalls halb so viel Wasser wie bisher ins Bewässerungssystem von al-Auscha, im Sommer manchmal kein Tropfen mehr. Zweimal, 1986 und 1990, verdorrten jeweils 3800 Tonnen Bananen. "Die Israelis haben sie getötet", sagt Saleh. Wenn er jetzt mehr Wasser braucht, als ihm der Bach bringt, muß er es von der israelischen Staatsgesellschaft Mekorot kaufen. Zwei Schekel, etwa eine Mark, bezahlt er für den Kubikmeter. Sechseinhalb Kubikmeter braucht er, um ein Kilo Bananen zu erzeugen, für das er auf dem Markt nicht mehr als 75 Pfennig bekommt. Die Menschen in al-Auscha werden immer ärmer. Auch Jacob Choen, der acht Kilometer vom Dorf al-Auscha entfernt wohnt, kauft sein Wasser von Mekorot. Aber er zahlt nur 0,60 Schekel für den Kubikmeter: Er ist kein Palästinenser. Jacob Choen ist Chef des Kibbuz Gilgal. Der wurde 1973 gegründet, in einer Gegend, wo jedes Jahr nur 150 Millimeter Regen fallen und anderes Wasser nur aus der Leitung kommt. Seit einer Stunde sind wir im Kibbuz unterwegs. Wir waren bei den Dattelpalmen(zweieinhalb Kubikmeter Wasser pro Kilo Datteln), bei den Mangobäumen und Weinstöcken (ein Kubikmeter pro Kilo, dafür sind die Trauben schon Mitte Mai reif; sie werden nach Europa exportiert). Von einem Hügel aus haben wir die grünen Flächen gesehen, die sich fast bis zum Jordan hinunterziehen: Rollrasen für jene Israelis, die auch in ihrem Vorgarten beweisen wollen, daß ihnen der Prophet Jesaja nicht zuviel versprochen hat: "Der glühende Sand wird zum Teich und das durstige Land zu sprudelnden Quellen." Zum Schluß zeigt mir Jacob den jüngsten Erwerbszweig des Kibbuz: die Zierfischzucht. Und so kriege ich mitten in der Wüste nasse Füße. Die Bottiche nämlich, in denen die Purpurprachtbarsche und die Guppies für den Export nach Deutschland und Italien heranwachsen, sind nicht ganz dicht: Tiefe Pfützen stehen auf dem Boden der Halle. Tag und Nacht wird das Wasser umgewälzt, aus schwarzen Schläuchen rauscht es in die Bottiche. 27 Grad warm, wie ein Thermometer am Beckenrand zeigt. "Heizen Sie mit Solarenergie?" "Die bräuchten wir nur jetzt im Winter, und da bringt die Sonne nicht genug. Wir heizen mit Gas." Draußen ist es wärmer als an den meisten Hamburger Sommertagen. "Und das Abwasser?" "Das leiten wir hinunter zum Jordanufer. Dort versickert es." "Sie haben keine Wasserprobleme?" "Nein, Mekorot liefert genug." Der Vorhang zum vorläufig letzten Akt dieser Geschichte hebt sich, als die in aller Welt verfolgten Juden in das Land ihrer Väter zurückzukehren beginnen, in das Land, in dem Milch und Honig fließen, aber offenbar viel zuwenig Wasser. Nach dem Israelisch-Arabischen Krieg von 1948 und der Gründung ihres Staates legen die Israelis die sumpfige Hule-Ebene an der Grenze zu Syrien trocken, um das Jordanwasser schneller in den See Genezareth abfließen zu lassen und neue Plantagen für Baumwolle, Bananen und Zitrusfrüchte zu schaffen. Dafür zapfen die Jordanier den Jarmuk, einen Nebenfluß des Jordans, südlich des Sees an und leiteten sein Wasser ab 1961 durch den East-Ghor-Kanal auf ihre Felder. Die Israelis antworten mit dem Bau des National Water Carriers : Ab 1964 pumpen sie Wasser aus dem See Genezareth im weiten Bogen um das damals noch jordanische Westjordanland in die Ballungsgebiete bei Tel Aviv und weiter bis in den Süden Israels, in die Wüste Negev. 1964 beschließt die Arabische Gipfelkonferenz, die Quellflüsse des Jordan umzuleiten, die im Libanon und in Syrien entspringen: den Hasbani und den Banias. Doch Israel bombardiert die Baustellen, besetzt im Sechstagekrieg von 1967 schließlich die Golanhöhen, gewinnt dadurch die Kontrolle über den Banias, zerstört die Fundamente eines Staudamms am Jarmuk, bombardiert 1969 Teile des East-Ghor-Kanals und verhindert mit Waffengewalt bis weit in die siebziger Jahre alle jordanischen Wartungsarbeiten am Einlaß des Kanals. Dafür pumpt es jetzt selbst Wasser aus dem Jarmuk in den See Genezareth. 1982 besetzt Israel den Südlibanon: Dort fließt der Litani - an einer Stelle nördlich von Metulla nur wenige Kilometer vom Hasbani entfernt. Daß bis heute ein Plan besteht, den Fluß ins Jordanbecken umzuleiten, leugnen die Israelis ebenso energisch, wie die Libanesen dieses Projekt fürchten. Und Israel hat im Sechstagekrieg das Westjordanland erobert und im Jom-Kippur-Krieg erfolgreich verteidigt. Seither kontrolliert es die ergiebigen Grundwasserströme in den Bergen, kann den Palästinensern verbieten, Brunnen zu bohren, kann mehr ins eigene Leitungsnetz pumpen und den jüdischen Siedlern das viele Wasser zukommen lassen, das sie benötigen - die meisten sind aus Ländern eingewandert, in denen Wasser kein Thema war. Und während jeder Siedler heute rund 330 Liter pro Tag verbraucht, bleiben den Palästinensern in den Dörfern nebenan nicht mehr als 32 Liter pro Kopf und Tag. (Zum Vergleich: Jeder Bewohner Hamburgs verbraucht pro Tag 134 Liter.) Im Interimsvertrag zwischen Israel und den Palästinensern vom September 1995 , dem "Oslo-2-Abkommen", wurde das Wasserproblem zwar angesprochen, aber nicht zufriedenstellend geklärt. Und während Israelis, Jordanier und Vertreter der PLO derzeit in Oslo über eine gerechtere Verteilung der Wasserreserven verhandeln, steigt in den palästinensischen Gebieten der Unmut über versiegte Brunnen und schikanöse Wasserrationierungen. "Ich kann wochenlang überleben, ohne in der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem zu beten", sagte mir Mitte Februar ein palästinensischer Hydrologe im abgeriegelten Westjordanland. "Aber ohne Wasser bin ich nach drei Tagen tot. Was ist das für ein Frieden, wenn bei uns kein Wasser aus der Leitung kommt, während die Siedler Swimmingpools haben?" Zehn Tage später explodierte in Jerusalem eine Bombe - die erste in der jüngsten Serie von Anschlägen. Am Ufer des See Genezareth: Vor dem Eingang zum Stollen spielt ein junger Mann in Zivil an seiner Maschinenpistole herum. Als er den Wasser-Experten Avner Lotan erkennt, winkt er uns zu. Avner stemmt das erste von zwei gewaltigen roten Stahltoren auf und läßt mir den Vortritt. Der Stollen ist weit genug, um einem Tieflader Platz zu bieten, und fast hundert Meter lang. Er führt leicht bergab durch schieren Fels. Vom Gewölbe hoch über uns tropft Wasser. Avner Lotan öffnet ein weiteres Stahltor. Wir stehen in einer riesigen Halle: Hier wummert Nacht für Nacht das Herz der israelischen Wasserversorgung. Genaugenommen sind es drei Herzen: drei Pumpen, die den Anfang des National Water Carriers bilden. Angetrieben von je einem 30 000-PS-Elektromotor, kann jede Pumpe sieben Kubikmeter Wasser in der Sekunde aus dem See ins galiläische Hügelland schießen, 257 Meter in die Höhe. Draußen, ein paar hundert Meter weiter nördlich, hat Jesus von Nazareth einst fünftausend Menschen mit zwei Fischen und fünf Broten gesättigt. In der Pumpstation von Tabgha versuchen die Mekorot-Ingenieure den Wasserbedarf von sieben Millionen Menschen zu decken, und weil ihnen hierfür keine Wunder zur Verfügung stehen, pumpen sie jedes Jahr 400 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem See Genezareth. Das aufwendige Stollensystem aber soll das Herz vor den Stichen des Feindes schützen: Als das Pumpwerk Tabgha gebaut wurde, gehörten die Golanhöhen am gegenüberliegenden Ufer des Sees noch zu Syrien. Bilder und Schautafeln im Besucherzentrum der Pumpstation preisen jüdischen Pioniergeist und technische Großtaten. Es gibt sogar einen Film über den Bau des National Water Carriers - auf deutsch. "Zionismus und Mekorot, das war wie Wasser in verbundenen Gefäßen", verkündet ein Sprecher. Marschmusik, entschlossene Gesichter, grüne und blaue Rohre. Kurzärmelige Politiker drehen an Wasserschiebern. Die Wüste blüht. Als das Licht wieder angeht, zählt mir ein sehr viel nachdenklicherer Avner Lotan die drei größten Probleme auf, mit denen er und die anderen Mekorot-Experten heute zu kämpfen haben: Es gibt insgesamt zuwenig Wasser. Es wird immer salziger. Es wird immer schmutziger. Denn es ist eine Sache, seinen Feinden das Wasser abzugraben. Und eine andere, ganz und gar hirnrissige, das Wasser den eigenen Kindern und Kindeskindern zu stehlen. Genau das aber praktiziert man am Jordan seit Jahrzehnten - an beiden Ufern. Die Israelis haben die Grundwasserreserven entlang der Mittelmeerküste noch bis in die achtziger Jahre hemmungslos ausgebeutet. Durch das entstandene Vakuum drang Meerwasser ein und aus den Feldern sickerten Düngemittel ins Grundwasser. Das ist inzwischen stellenweise so verseucht, daß man es nach den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation nicht einmal mehr zur Bewässerung nutzen dürfte. Gleichzeitig pumpt Jordanien seine eigenen Grundwasservorräte leer, zum Beispiel das Reservoir unter der Oase Azraq im Osten von Amman. Und wie fast alle großen Wasserprojekte dieser Welt hatten auch die Trockenlegung der Hule-Ebene, die Ableitung des Jarmuk und die Ausbeutung des See Genezareth ökologische Auswirkungen, die man erst allmählich versteht: Der Unterlauf des Jordan ist zur Kloake geworden, gespeist durch brackige Sickerwässer und ungeklärtes Abwasser aus Dörfern und Kibbuzim. Das Tote Meer aber stirbt jetzt wirklich: Innerhalb von dreißig Jahren ist sein Wasserspiegel um siebzehn Meter gesunken. Seit 1976 hat sich seine Oberfläche um ein Viertel verringert, weniger Wasser kann verdunsten, die Folgen für das Klima im Jordangraben sind unabsehbar. Und das ökologische Gleichgewicht von Algen und andere Kleinlebewesen, die es im Toten Meer trotz seines Namens gab, ist endgültig zerstört. Es gehört in einer Gegend wie dem Nahen Osten schon zu den hoffnungsvollen Zeichen, daß sich die Fachleute diesseits und jenseits der Grenzen wenigstens in der Einschätzung dieser Notlage einig sind. Und daß auch die Politiker zu verstehen beginnen: Kein Land in dieser Region kann sein Wasserproblem allein lösen. Während der jordanische König Hussein noch 1990 drohte, der Streit ums Wasser könne ihn zu einem neuen Krieg gegen Israel zwingen, favorisiert er heute ein gemeinsames Projekt, das die beiden Staaten untrennbar miteinander verschweißen würde: einen Kanal vom Roten Meer zum Toten Meer. Durch den Höhenunterschied von über 400 Metern zwischen den beiden Meeren könnte genug Strom erzeugt werden, um jedes Jahr 800 Millionen Kubikmeter Meerwasser zu entsalzen, als Trinkwasser und zur Bewässerung. Innerhalb eines Jahrzehnts könnte das Tote Meer außerdem wieder seinen ursprünglichen Pegel erreicht haben. Nach Berechnungen der Weltbank würde dieser Kanal drei bis vier Milliarden Dollar kosten, halb soviel wie der Tunnel unter dem Ärmelkanal. Er könnte die Arava-Senke, eine der trockensten Gegenden der Welt, in eine Oase verwandeln. Er könnte aber auch die Grundwasserreservoire entlang der Strecke zerstören, er könnte dem Tourismus und der Heilsalzerzeugung am Toten Meer die Grundlage entziehen: Niemand weiß genau, was passiert, wenn sich Wasser aus den beiden Meeren vermischt. Deshalb plädieren Hydrologen auf beiden Seiten des Jordan dafür, zunächst alle anderen Möglichkeiten zu nutzen, um Wasser zu gewinnen und Wasser zu sparen: Der Wasserverbrauch muß drastisch reduziert werden - notfalls durch höhere Preise, auch für israelische Siedler und Bauern. Bestehende Wasserleitungen in den Städten und auf dem Land müssen verbessert werden: Vierzig Prozent des Wassers etwa, das in den East-Ghor-Kanal fließt, verdunstet oder versickert, bevor es die Felder erreichen kann. In Amman und in den Städten des Westjordanlands helfen deutsche Experten schon heute, die Wasserverluste auf dem Weg von den Brunnen zu den Verbrauchern zu verringern. Regenwasser muß gezielter gesammelt werden: Amman etwa könnte dadurch bis zu 17 Prozent seines jährlichen Trinkwasserbedarfs decken. Abwasser muß wiederaufbereitet und zur Bewässerung verwendet werden. Und auch darin sind sich die Fachleute auf allen Seiten einig: Die Bevölkerungszahl in der Region darf nicht mehr so weiterwachsen wie bisher. Israel muß seine Einwanderungspolitik überdenken, und im Gaza-Streifen können nur Programme zur Familienplanung einen Weg aus dem Elend weisen. Vor allem aber: Die Landwirtschaft in Israel und Jordanien muß sich ändern. In einem Orangenhain am Ostufer des Jordan erzählt mir Direktor Khaled Banihani von seinem Kampf: Wie soll er den Bauern klarmachen, daß die Bananen, die ihre Vorfahren seit Jahrhunderten anbauen, zu viel Wasser brauchen? Wie soll er sie davon überzeugen, auf Zitrusfrüchte umzusteigen, die höchstens 150 Liter pro Kilo benötigen, wenn er ihnen nicht garantieren kann, daß sie dafür gute Preise erzielen? Kraft seines Amtes kann er den Bauern vorschreiben, was sie auf neuerschlossenen Flächen anbauen dürfen. Er teilt ihnen das Wasser aus dem Ghor-Kanal zu und er kann sie dadurch zwingen, sparsam zu bewässern. Aber bestehende Plantagen zu roden und durch genügsamere zu ersetzen à so weit will die Regierung noch nicht gehen. Seit wir Amman verlassen haben, mußten wir an einem Dutzend Militärposten halten. "Sultad Wadi al-Urdun" hieß jedesmal das Sesam-öffne-dich, "Jordantal-Behörde". Ihr untersteht alles am Ostufer des Jordan ziwschen dem See Genezareth und dem Toten Meer: Landwirtschaft, Städtebau, Verkehr und Gewerbe. Khaled Banihani, der mich begleitet, ist der Direktor des nördlichen Bezirks, der Herr des Wassers. Der gleiche Kampf, den er in Jordanien führt, fechten die Hydrologen in Israel mit ihrer Agrarlobby aus. Und so genau die Jordanier auch kontrollieren, was sich in ihrem Teil des Jordantals tut: Unten am Fluß, an der Grenzlinie zu Israel, hat der Friedensvertrag vom Oktober 1994 die Welt verändert. Wir stehen nahe der Stelle, wo der Jarmuk in den Jordan mündet. Bis zur Grenze sind es nur wenige Meter. Die letzten Orangen dieses Winters leuchten zwischen den Blättern. Am gegenüberliegenden Ufer sehen wir einen israelischen Wachturm: die Fensterscheiben sind blind, die Sandsäcke weggeräumt, der Wind spielt mit der offenen Blechtür. Auch in der ehemaligen jordanischen Stellung hinter uns nisten die Vögel. Khaled Banihani zeigt mir die neue Wasserleitung. Innerhalb von hundert Tagen wurde sie nach dem Abschluß des israelisch-jordanischen Friedensvertrags gebaut. In diesem Vertrag ist genau geregelt , wieviel Wasser die beiden Länder zu welcher Jahreszeit aus dem Jordan und dem Jarmuk entnehmen dürfen. "Und diese Wasserleitung?" "Das geht so: Im Winter leiten nur so viel Wasser aus dem Jarmuk ab, wie wir brauchen. Dafür pumpen die Israelis zwanzig Millionen Kubikmeter mehr in ihren See als bisher. Und im Sommer geben sie uns die gleiche Menge durch diese Leitung zurück." "Und das funktioniert?" "Ohne Probleme! Die Israelis verwalten das Wasser für uns, weil wir keinen Speicher haben wie den See Genezareth. Schon deshalb mußten wir diesen Frieden schließen." Ein paar Kilometer weiter nördlich haben die Isaelis den Jordaniern einen fruchtbaren Streifen Landes zurückgegeben. Zwar sind es weiterhin israelische Bauern, die ihn bewirtschaften, aber sie zahlen jetzt Pacht dafür. Südlich von der Jarmuk-Mündung werden Israelis und Jordanier gemeinsam Wasserreservoirs bauen, und Israel hat im Friedensvertrag endlich auch dem Bau des Jarmuk-Staudamms zugestimmt, den es einst mit Waffengewalt verhindert hat. Schließlich auf der Scheich-Hussein-Brücke, dem neuen Grenzübergang nach Israel: Das Wasser des Jordans hat die Farbe von Blei, kaum wahrnehmbar die Strömung. Kormorane stochern im Uferdickicht nach Nahrung. Auf der Brücke knattern sechs Fahnen im Wind: drei israelische, drei jordanische. Und von der gegenüberliegenden Seite, der israelischen, kommen fünf Uniformierte auf uns zu. Es sind jordanische Offiziere, ihr Chef ein Brigadegeneral. Sie haben mit den Israelis ein paar aktuelle Fragen diskutiert. "Auch über Wasser-Themen, natürlich! Wir führen solche Gespäche, wann immer sie nötig sind. Ganz unkompliziert, mal auf auf unserer Seite, mal drüben." In welcher Sprache sie mit ihren ehemaligen Feinden reden? "Meistens englisch. Aber auch arabisch. Einer von den denen ist ein Druse von den Golanhöhen." Der Offizier, der mir das erzählt, trägt einen buntgeschmückten Präsentkorb, das Gastgeschenk der Israelis. "Wenn man Gründe sucht, um Krieg zu führen", meinte der israelische Hydrologe Uri Shamir einmal, "bietet das Wasser jede Menge Möglichkeiten. Wenn es aber den politischen Willen zum Frieden gibt, wird Wasser kein Hinderungsgrund sein." Und hier, an der Grenze zwischen Israel und Jordanien, sieht es beinahe so aus, als könnte das Wasser, das diese Landschaft geformt hat, sogar einen Frieden erzwingen. By admin at 2005-08-26 09:40 | admin's blog | login to post comments
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